Fundamentalanalyse·~6 Min. Lesezeit

KGV erklärt: Was das Kurs-Gewinn-Verhältnis wirklich sagt

Das KGV (Kurs-Gewinn-Verhältnis) ist die meistgenannte Bewertungskennzahl an der Börse. Fast jeder hat schon davon gehört — aber was bedeutet sie wirklich? Ist ein KGV von 10 immer günstig, und ein KGV von 50 immer teuer? Die ehrliche Antwort ist: es kommt darauf an.

Was ist das KGV?

Das KGV setzt den aktuellen Kurs einer Aktie ins Verhältnis zum Gewinn je Aktie (Earnings per Share, EPS). Die Formel ist denkbar einfach:

KGV = Aktienkurs ÷ Gewinn je Aktie

Was bedeutet das Ergebnis? Ein KGV von 20 bedeutet: Anleger zahlen das 20-fache des Jahresgewinns. Oder anders formuliert: Bei gleichbleibendem Gewinn würde es 20 Jahre dauern, bis der Gewinn den Kaufpreis "zurückgezahlt" hat. Das KGV ist damit eine Art Payback-Periode — je niedriger, desto schneller rentiert sich theoretisch die Investition.

KGV berechnen — Formel und konkretes Beispiel

Zwei Beispiele machen den Unterschied sofort klar:

Beispiel 1 — KGV berechenbar

Aktienkurs100 €
Gewinn je Aktie (EPS)5 €
KGV100 ÷ 5 = 20

Anleger zahlen das 20-fache des aktuellen Jahresgewinns.

Beispiel 2 — KGV nicht sinnvoll

Aktienkurs50 €
Gewinn je Aktie (EPS)−2 € (Verlust)
KGVnicht berechenbar

Verlustunternehmen haben kein sinnvolles KGV — der Wert wäre negativ oder unendlich.

Wichtige Lektion: Verlustunternehmen haben kein sinnvolles KGV. Vergleiche mit anderen Kennzahlen (z. B. Umsatz-Multiplikatoren oder Enterprise Value / EBITDA), wenn ein Unternehmen noch keine Gewinne erzielt.

Was ist ein "gutes" KGV? — Branchenvergleich

Es gibt kein universell "gutes" KGV. Was in einer Branche teuer wirkt, ist in einer anderen völlig normal. Der entscheidende Kontext ist immer der Vergleich mit ähnlichen Unternehmen.

BrancheTypisches KGV
Technologie25–50+
Finanzen/Banken8–15
Versorger12–20
Industrie15–25
Konsumgüter20–35

Merksatz: Vergleiche KGVs immer innerhalb derselben Branche — ein KGV von 15 ist für eine Bank normal, für ein Wachstumsunternehmen ein Warnsignal.

Forward-KGV vs. Trailing-KGV

Das KGV erscheint in zwei wichtigen Varianten, die unterschiedliche Dinge messen und unterschiedlich zu interpretieren sind.

Trailing KGV (ttm)

Basiert auf dem tatsächlich erzielten Gewinn der letzten 12 Monate. Zuverlässig, weil es auf realen Zahlen beruht — aber vergangenheitsorientiert.

+ Reale, geprüfte Zahlen

− Zeigt nicht, wohin die Reise geht

Forward KGV

Basiert auf dem erwarteten Gewinn für die nächsten 12 Monate (Analysten-Schätzungen). Zukunftsorientiert, aber abhängig von der Qualität der Prognosen.

+ Blickt auf zukünftiges Wachstum

− Schätzungen können stark abweichen

Praxisbeispiel

Eine Aktie hat ein Trailing-KGV von 40, aber ein Forward-KGV von 18. Das klingt teuer — ist es aber nicht zwingend. Der Markt preist hier starkes Gewinnwachstum ein. Wenn die Analysten-Schätzungen realistisch sind, ist die Aktie auf Forward-Basis fair bewertet.

KGV-Fallen — wann ein niedriges KGV trügt

Ein niedriges KGV ist nicht automatisch ein Kaufargument. Die häufigsten Situationen, in denen das KGV in die Irre führt:

Falle 1: Zykliker im Zyklustief

Stahlunternehmen, Chemiekonzerne oder Rohstoffproduzenten haben im Boom ein KGV von 5 — weil die Gewinne temporär sehr hoch sind. Kurz darauf kollabiert der Gewinn, das KGV explodiert, und die Aktie sieht plötzlich "teuer" aus, obwohl der Kurs vielleicht gefallen ist. Das KGV spiegelt den Zyklus, nicht den dauerhaften Wert.

Falle 2: Value Trap

Eine Aktie hat seit Jahren ein KGV von 8 — weil das Geschäftsmodell strukturell schrumpft. Kein Wachstum, kein Katalysator, keine Kurschance. Billig ist nicht dasselbe wie günstig. Diese "Wertfallen" binden Kapital über Jahre, ohne Rendite zu liefern.

Falle 3: Einmalige Gewinne

Wenn ein Unternehmen eine Tochtergesellschaft verkauft oder einen Sonderertrag verbucht, wird der EPS einmalig stark erhöht — das KGV sieht plötzlich sehr günstig aus. Aber dieser Effekt wiederholt sich nicht. Prüfe immer, ob der Gewinn aus dem operativen Kerngeschäft stammt.

Falle 4: Turnaround-Illusion

Wenn ein Unternehmen aus der Verlustzone kommt und erstmals wieder kleine Gewinne erzielt, kann das KGV plötzlich sehr niedrig wirken — weil der EPS minimal positiv ist, aber der Kurs bereits stark gestiegen ist. Das KGV täuscht hier über die noch fragile Ertragslage hinweg.

Denkansatz: Ein KGV unter 10 ist oft kein Schnäppchen, sondern eine Warnung. Frage dich: Warum bewerten andere Investoren dieses Unternehmen so niedrig?

Hinweis: KGV-Werte und Branchenvergleiche sind vereinfachte Orientierungswerte und keine Anlageempfehlung. Dieser Artikel dient ausschließlich der Bildung.

Nächster Schritt

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